Von der Raupe zum Schmetterling

Transformation als Metamorphose

Die Menschheit oder gar der Planet Erde selbst befinden sich in einem grundlegenden Transformationsprozess. Als bekanntes Bild für diese individuelle wie kollektive Transformation bietet sich die Metamorphose des Schmetterlings geradezu an.


Eine Raupe ist in erster Linie eine Art Fressmaschine. Sie frisst und frisst und ist vielerorts als Schädling bekannt. Sie frisst solange bis sie völlig überfressen ist und ihr Immunsystem beginnt zusammenzubrechen.


Doch dann beginnt die Magie:


Im Körper der Raupe befinden sich bereits sogenannte Imaginale Zellen. Diese Zellen werden vom Immunsystem der Raupe bekämpft. Sobald dieses beginnt zusammenzubrechen, fangen die Imaginalen Zellen an sich zu vermehren und miteinander zu vernetzen.


Die Raupe verpuppt sich. Bei der Verpuppung findet ein fast vollständiger körperlicher Umbau (die Metamorphose) statt. Die meisten bisherigen Zellen der Raupe werden zu einer Art Suppe, die den Imaginalen Zellen als Nahrung dient. Die Imaginalen Zellen übernehmen und dirigieren den Umbau.


Die Organe der Raupe werden nun funktionslos, vollkommen entdifferenziert und abgebaut. Die verschiedenen, bereits in der Raupe differenzierten, Imaginalen Zellen beginnen die wesentlichen Organe des Schmetterlings, von denen bei der Raupe keine Spur erkennbar war, komplett neu anzulegen. Beim letztendlichen Schlupf der Imago aus der Puppenhaut, erlangen diese Organe dann schließlich ihre endgültige Form und härten aus.


Während die Raupe in erster Linie ein Schädling war, der mehr verbraucht hat, als er zum ihn umgebenden Ökosystem beigetragen hat, trägt der Schmetterling nicht nur zur Schönheit der Welt, sondern durch Bestäubung auch zum Erhalt unzähliger Arten bei.


Die persönliche Transformation als Metamorphose


Der Schritt vom Ego zum Unique Self oder von der gewöhnlichen zur evolutionären Liebe ist nicht durch gewöhnliches Lernen zu erreichen. Keine Information der Welt kann uns dazu bewegen, diesen Schritt zu vollziehen.


Vielmehr bedarf es einer grundlegenden Transformation unserer Identität.


Diese Transformation ist gut am Modell der Schmetterlingsmetamorphose nachvollziehbar.

Während das getrennte Selbst oder Ego, ähnlich wie die Raupe, in erster Linie sich selbst dient und dabei oft mehr verbraucht, als es beiträgt, gibt es im Ego bereits die Ahnung von etwas anderem (die Imaginalen Zellen).


Da ist diese Sehnsucht, die innerhalb eines getrennten Selbstes überhaupt keinen Sinn ergibt.

Warum sollte ich mich nach Einheit sehnen, wenn diese Einheit nicht existiert?


Warum sollte ich mich danach sehnen ein Beitrag zu sein, wenn es doch lediglich um das Überleben des getrennten Selbstes geht?


Ein Fisch sehnt sich nicht nach dem Trockenen.


Diese Sehnsüchte werden vom Ego entweder bekämpft oder in einer Pseudoform in seine eigene Suche nach egozentrischer Befriedigung eingebaut. Die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach einem echten Beitrag führt zu allerlei Unsterblichkeitsprojekten, die Sehnsucht nach Einheit zum Anklammern an geliebte Menschen oder Besitz.


Das Ego wächst und wächst und verbraucht dabei, innerlich wie äußerlich, weit mehr Ressourcen als es beiträgt. Allmählich beginnt nicht nur das Ökosystem, sondern auch das eigene emotionale Immunsystem zusammenzubrechen. Da all die Unsterblichkeitsprojekte und Anhaftungen des Egos nicht zu wirklicher Befriedigung führen, braucht es, wie bei einem Suchtkranken, mehr und mehr. Und doch ist es nie genug.


Allmählich macht sich Resignation breit.


Mitunter äußert sich diese lediglich als ein sich Abfinden damit, dass das eigene Leben halt einfach nur mittelmäßig ist: Andere mögen ein großartiges Leben führen. Ich selbst gehöre einfach nicht dazu. Pech gehabt.


Bei manchen wächst sich diese Einstellung zu einem noch deutlicheren Zynismus aus, der jedes Streben nach mehr bereits als Größenwahn abtut: Ja, ja, träum weiter. Du wirst schon sehen, was Du davon hast.


Bei wieder anderen wächst die Resignation in eine regelrechte Depression hinein. Und die wird dann mit allen Mitteln bekämpft.


Dabei enthält diese Krise bereits ihre größte Chance. Die Metamorphose hat begonnen. Statt die Imaginalen Zellen in uns weiter zu bekämpfen, um die Funktionalität auf der untersten Ebene und das Überleben unseres Egos noch eine Weile zu verlängern, können wir den Imaginalen Zellen (unseren Ahnungen und Sehnsüchten) die Führung überlassen und den totalen Umbau unserer Identität erlauben.


Das kann durchaus Angst machen, und es ist hilfreich, sich in diesen Zeiten eine mit diesen Prozessen erfahrene Begleitung zu suchen, die die zarten neuen Strukturen schützt und die Prozesse durch erprobte Methoden und Praktiken erleichtert.

Doch das Bild der Metamorphose trägt noch weiter.


Kulturelle Evolution: Kollektive Transformation als Metamorphose


Es spricht einiges dafür, dass sich derzeit nicht nur einzelne Menschen, sondern die gesamte Menschheit in einer Art Metamorphose befindet.


Die Menschheit als Ganzes steht vor der Erkenntnis, dass, wenn wir so weiter machen, wir zum ersten Mal in der Geschichte dazu in der Lage sind, durch unser eigenes Tun und Lassen das Überleben der ganzen Menschheit aufs Spiel zu setzen.


Und auch diese Krise birgt natürlich Chancen. Wie Barbara Marx Hubbard betont, sind Krisen immer auch evolutionäre Antreiber gewesen.


Einzelne Pioniere und Visionäre experimentieren bereits heute mit neuen Strukturen. Wie die Imaginalen Zellen im Körper der Raupe werden auch sie häufig vom kollektiven Immunsystem bekämpft. Und so bleiben sie oft im Untergrund, unterhalb des Radars der bestehende Systeme, bis die bisherigen, nicht nachhaltigen Strukturen unter ihrer eigenen Last zusammenbrechen. Bereits im Untergrund fangen sie an sich zu vernetzen und Praxisgemeinschaften zu bilden.

Wenn die Zeit für die neue Emergenz reif ist, können sie schnell eine kritische Masse erreichen und gemeinsam den Aufbau des Neuen beginnen.


Wie in der Schmetterlingspuppe werden die meisten alten Strukturen umgebaut oder aufgelöst und dienen als Nährstoff für das Neue, während die schon existierenden Imaginalen Zellen sich immer schneller vernetzen und durch Selbstorganisation die neuen Systeme und Strukturen bilden.


Ein neues kollektives Bewusstsein entsteht; ein Bewusstsein, das nicht (top-down) das individuelle Bewusstsein zu ersetzen versucht, wie das bisher in den meisten Utopien der Fall war, wie z.B. im real existierenden Sozialismus.


Stattdessen erwacht in diesem Bottom-Up-Prozess jedes Individuum zu seinem einzigartigen Ausdruck des Einen, zu seinem evolutionären Unique Self.


Über die Prinzipien der Selbstorganisation bildet sich dann eine neue Einheit, die mehr ist als die Summe seiner Einzelteile – so wie auch der Körper mehr ist als die Summe seiner Zellen, während doch jede einzelne Zelle in ihrer Einzigartigkeit gewürdigt ist.


Genau das ist die Unique Self Jazz Symphony, von der wir bereits anderswo gesprochen haben.