Erfolg 4.0

***Dieser Artikel ist informiert und inspiriert durch die Arbeit von Dr. Marc Gafni zum Thema.

Neulich fand ich auf Facebook ein Bild des Dalai Lamas mit einem Spruch, der ihm zugeschrieben wurde. Bei genauer Recherche fand ich heraus, dass der Spruch keineswegs von ihm war, sondern in leicht abgewandelter Form von David Orr stammt aus seinem Buch Ecological Literacy: Educating Our Children for a Sustainable World:

“The plain fact is that the planet does not need more successful people. But it does desperately need more peacemakers, healers, restorers, storytellers, and lovers of every kind. It needs people who live well in their places. It needs people of moral courage willing to join the fight to make the world habitable and humane. And these qualities have little to do with success as we have defined it.“ „Es ist eine nackte Tatsache, dass der Planet nicht mehr erfolgreiche Leute braucht. Stattdessen braucht er verzweifelt mehr Friedensschaffer, Heiler, Wiederhersteller, Geschichtenerzähler und alle Arten von Liebenden. Es braucht Menschen, die an ihren Orten gut leben. Es braucht Menschen, die den moralischen Mut besitzen, dem Kampf beizutreten, die Welt bewohnbar und menschlich zu machen. Und diese Qualitäten haben wenig mit Erfolg zu tun, wie wir ihn definiert haben.“ – Übersetzung von mir

Für sich betrachtet sind die ersten zwei Sätze schon etwas eigenartig. Denn was wollen wir denn anfangen mit nicht erfolgreichen Friedensschaffern und Heilern? Wenn sie nicht erfolgreich sind in ihren Bestrebungen, wozu sind sie dann gut?

Der letzte Satz klärt uns dann schließlich auf, dass es um Erfolg geht, „wie wir ihn definiert haben.“

Der Duden definiert Erfolg wertneutral als „positives Ergebnis einer Bemühung; Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung.“ Dies kann also prinzipiell alles bedeuten. Ob ich beabsichtige jemanden zu töten oder zu heilen, spielt dabei keine Rolle. Ich kann erfolgreich damit sein.

Doch wenn viele Menschen als ihr Ziel angeben, dass sie erfolgreich sein wollen, so meinen sie wohl eher etwas anderes. Es geht um Glück und Zufriedenheit und mitunter wohl auch darum, besser als die Konkurrenz zu sein.

Wenn wir Erfolg einmal anschauen als Definition eines gut gelebten Lebens, so können wir sehen, dass die Inhalte dieser Definition durch verschiedene Wandlungen gegangen sind. Die jeweilige Definition ist wie eine Art Programm, das unter all unseren Bestrebungen liegt und diese meist unbewusst und unerkannt beeinflusst.

Die verschiedenen Versionen dieses Programms bezeichnen wir hier mit den aus Software-Programmen bekannten Versionsnummern.

Da der eigentliche Erfolgsbegriff aus der Moderne stammt, beginnen wir dort mit Erfolg 1.0. Doch auch davor gab es schon Ideen von einem gut gelebten Leben, die wir mit Erfolg 0.0 bezeichnen werden.

Und eins scheint überdeutlich: Unsere Definition von Erfolg muss sich weiterentwickeln, wenn wir als Folge unserer Bestrebungen nicht erreichen wollen, dass wir uns selbst unserer Lebensgrundlage berauben.

Doch schauen wir uns erst einmal die verschiedenen bisherigen Definitionen an.

Um das gleich vorwegzuschicken: Jede dieser Versionen hat ihre Licht- und ihre Schattenseiten.

Anmerkung:

Das hier vorgestellte Modell stammt von Dr. Marc Gafni, der Erfolg 0.0 – 3.0 für den von ihm und unserem Center for Integral Wisdom initiierten Success 3.0 Summit (2014) formuliert hat. In einem Dialog mit John Mackey, dem Gründer von Whole Foods, machen die beiden einen Schnelldurchlauf durch diese Versionen.

Erfolg 4.0 hat Marc später in einem informellen privaten Gespräch mit mir erwähnt, und ich war sofort berührt und begeistert. Und so lasse ich es hier bereits einfließen, obwohl Marc noch nirgendwo selbst darüber geschrieben hat.

Das ganze Modell ist in der Marc oft eigenen „Second Simplicity“ beschrieben – ein weiterer von ihm geprägter Begriff, der auf die Einfachheit jenseits der Komplexität verweist – auch wenn ich es hier in meinen eigenen Worten zusammenfasse. Dieser Stil ermöglicht es, dass selbst ein 8-jähriges Kind die Grundzüge des Modells verstehen kann. Gleichzeitig gibt es quasi keine Grenzen, was die Vertiefung des Verständnisses angeht. Viel Spaß beim Zueigenmachen des Modells!


Erfolg 0.0: Die Vision eines wohl gelebten Lebens in der Prämoderne

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In der nächsten Phase geht es um Eroberungsfeldzüge, Expansion und Macht. Je mehr Macht jemand hat, desto mehr kann er sein eigenes Schicksal und das seines Volkes bestimmen. Und Macht ist meist gleichbedeutend mit physischer Überlegenheit. Der Herrscher ist Gott oder von Gott gesandt. Alle übrigen versuchen Anteil daran zu haben, indem sie sich gut zu denjenigen stellen, die die Macht haben. Die Mafia und die verschiedenen Gangs sind auch heute noch ein gutes Beispiel dafür.

Mit der Erfindung der Landwirtschaft im sogenannten Achsenzeitalter geht ein Shift in ein mythisches Bewusstsein einher. Der Glaube an den Einen Wahren Gott taucht überall auf der Welt auf. Das Weltbild ist ethnozentrisch: Wir sind das auserwählte Volk mit dem einzig wahren Glauben. Das Gesetz (unter verschiedenen Namen, z.B. Tora oder Dharma), das uns von unserem Gott gegeben wurde, sagt uns, wie ein gutes Leben aussieht. Und dieses Gesetz ist für alle gleich. Selbst Könige und Priester haben sich daran zu halten. Meine Position im Leben ist durch eine ewige Ordnung bestimmt. Meine Aufgabe ist es, diesen Platz in der Ordnung so gut wie möglich im Einklang mit dem Gesetz auszufüllen. Das ist ein gottgefälliges, gut gelebtes Leben, für das ich irgendwann in der Zukunft (im nächsten Leben oder im Jenseits) belohnt werde.

In dieser Phase gibt es zum ersten Mal eine Art „Erfolgsliteratur“: die heiligen Schriften der verschiedenen Traditionen, die allerdings nur von wenigen „Schriftgelehrten“ gelesen und interpretiert werden können.


Erfolg 1.0: Der Erfolgsbegriff der Moderne

Erfolgreich sein heißt im modernen Weltbild, dem auch heute noch eine große Mehrheit anhängt, mehr, höher, besser oder weiter als die Konkurrenz zu sein. Es geht um Geld, Ansehen und einen Platz möglichst weit oben in der Hierarchie. Während in den traditionellen Kulturen der Prämoderne der Platz in der Hierarchie meist vererbt wird, steht in Kulturen der Moderne dieser Platz zumindest theoretisch allen offen.

Es gibt ein ganzes Genre von Erfolgsliteratur. Die Suche nach „success“ auf amazon.com ergibt 702.076 Resultate. Ihre Helden sind Andrew Carnegie, John Rockefeller oder Bill Gates, aber auch Albert Einstein oder Charles Darwin.

In ihren negativen Verzerrungen wird dieses Weltbild oft gestützt durch eine ebenso verzerrte und fehlinterpretierte Sicht auf die Evolution als Überleben des Stärksten.

Auch die Bilder, die zur Beschreibung der Situation herangezogen werden, sprechen eine deutliche Sprache:

Da werden Unternehmen als gut geölte Maschinen betrachtet, die möglichst fehlerfrei zu funktionieren haben. Die Erfindung des Fließbandes gehört natürlich auch hierher.

Und dann geht es noch weiter in die Kriegsmetaphern:

„Da werden feindliche Übernahmen geplant, weil die Kriegskasse gut gefüllt ist. Da muss die Kundenfront scharf ins Visier genommen werden, um die Stoßrichtung des geplanten Marketingfeldzugs zu sondieren. Die universitäre Jugend duckt sich schon vor dem Rekrutierungsschlachtruf der Personaler, die in den ‚Krieg um die Köpfe‘ ziehen.“

Dagmar Deckstein in einem Artikel „Hier boxt der Chef“ in der Süddeutschen

Wirtschaft wird als Nullsummen-Spiel betrachtet. Was der eine gewinnt, muss der andere verlieren und umgekehrt.

Es ist diese Art von Erfolgsdenken, gegen die sich das Zitat von David Orr weiter oben wendet.

Und während wir der Moderne viel Positives zu verdanken haben, so ist es dieses einseitige, individualistische Erfolgsdenken, das wir dringend weiterentwickeln müssen.


Erfolg 2.0: Wie wollen wir leben in der Postmoderne?

Earth Shake Hands

In der Postmoderne gibt es im Wesentlichen zwei Bilder für den Erfolg:

  1. Der Ausstieg aus dem „Hamsterrad“ und das „alternative“ Leben (ob in einem Ashram in Indien, per Anhalter um die Welt oder in einer Kommune in Deutschland ist dabei zweitrangig)

  2. Der Einfluss in gemeinnützigen sozialen, ökologischen oder politischen Projekten oder Organisationen

Beide Bilder brechen radikal mit dem Erfolgsdenken der Moderne. Geld verdienen oder irgendetwas für sich selbst erreichen zu wollen wird geradezu verachtet.

Wenn es etwas zu erreichen gibt, so kann es nur für ein Wir geschehen. Ihre Helden sind Menschen wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder Martin Luther King.

Die Ideale der Moderne und der Postmoderne sind am ehesten durch Gegensätze zu erfassen, die unvereinbar erscheinen.

Moderne versus Postmoderne

  1. Ich versus Wir – Autonomie versus Kommunion

  2. Geld verdienen versus Geld spenden für einen guten Zweck

  3. Gewinnmaximierung versus Gemeinnützigkeit

  4. Äußerlichkeit versus Innerlichkeit

  5. Denken versus Fühlen

  6. Wissenschaftliches versus Multiperspektivisches oder Mulitkulturelles Denken

  7. Ökonomie versus Ökologie

  8. Objektivität versus Relativität

  9. Hierarchien versus Gleichheit

  10. usw.

Dieses Gegensatzdenken hat u.a. leider auch dazu geführt, dass das Geld, das für gemeinnützige Projekte ausgegeben wird, oft zunächst in der „bösen“ Wirtschaft verdient werden muss.

Zudem macht es die Vertreter der Postmoderne nicht selten sehr ineffektiv in ihren Handlungen.

Wenn wir in einem Entweder-Oder-Denken gefangen sind, fangen wir automatisch an, unser Handeln für die eine oder die andere Seite zu optimieren. Etwas ist dann z.B. entweder „gut für mich“ ODER „gut für uns.“ Es maximiert die Gewinne ODER den Gemeinnutz. Es ist gut für das Außen ODER das Innen, gut für das Denken ODER das Fühlen, gut für die Wirtschaft ODER die Umwelt…

Stellen wir uns einmal einen Organismus vor, in dem wir die Situation entweder für die einzelne Zelle optimieren ODER für den Gesamtorganismus, für die Leber ODER für das Herz. Von hier aus betrachtet, merken wir, dass das überhaupt keinen Sinn ergibt, denn schließlich besteht der Organismus ja aus den Zellen, der Leber UND dem Herz, während er gleichzeitig die Umgebung der Zellen darstellt. Der Zelle geht es nur gut, wenn es dem Organismus gut geht, und dem Organismus geht es nur gut, wenn es der Zelle gut geht. Und wenn das Herz stirbt, stirbt auch die Leber und umgekehrt.

Und das verweist uns bereits auf den nächsten Shift zu…


Erfolg 3.0: Wake Up – Grow Up – Show Up

„The core crisis facing a society is often not a crisis of funds or resources. It is a crisis of imagination. And at the core of every crisis of imagination is a crisis of identity. Imagination and identity are interior structures of consciousness. We need to re-imagine ourselves.“ – Marc Gafni

„Der Kern der Krise unserer Gesellschaft ist oftmals nicht eine Krise der Geldmittel oder Ressourcen. Es ist eine Krise der Vorstellungskraft. Und im Kern jeder Krise der Vorstellungskraft ist eine Identitätskrise. Vorstellungskraft und Identität sind die innerlichen Strukturen des Bewusstseins. Wir müssen uns SELBST re-imaginieren (neu erfinden).“ – Marc Gafni in Übersetzung von mir

Im Jahr 2014 hatte ich das Privileg und das Vergnügen als Mitarbeiterin am Success 3.0 Summit teilzunehmen. Dr. Marc Gafni und das Center for Integral Wisdom waren Mit-Initiator. Inzwischen hat sich Success 3.0 zu einer eigenständigen Organisation weiterentwickelt, die die Bewegung und den Film RiseUp ins Leben gerufen hat.

Hier ging es darum, einen neuen Mythos von Erfolg zu entwickeln, der auf der besten Weisheit der vorangegangenen Zeitalter (Prämoderne, Moderne und Postmoderne) aufbaut, sie aber auch übersteigt.

Als Rahmen wurde von Dr. Marc Gafni „Wake Up – Grow Up – Show Up“ vorgeschlagen.

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Grow Up: Aufwachsen zur umfassendsten (welt- oder kosmozentrischen) Ebene des Bewusstseins, das derzeit zur Verfügung steht.

Show Up: Auftauchen oder in Erscheinung treten als „Servant Leader“ (dienender Leiter) und Deine einzigartigen Gaben geben, die aus Deinem Unique Self hervorgehen und die ein einzigartiges Bedürfnis in der Deinem einzigartigen Intimitäts- und Einflussbereich adressieren.

All das führt zum Aufwachen, Aufwachsen und in Erscheinung treten als Dein Unique Self, das Dein einzigartiges Instrument in der selbstorganisierten, bottom-up Unique Self Jazz Symphony spielt, die die Macht hat unendliche Innovation, Kreativität und Ressourcen zu entfesseln.

Was würde es bedeuten, wenn Erfolg genau das hieße? Aufzuwachen, aufzuwachsen und in Erscheinung zu treten als Unique Self, ungetrennt von allem, was ist, mit einzigartigen Gaben und einer einzigartigen Perspektive auf die Welt?

Ein Beispiel für diese neue Version von Erfolg:

John Mackey, der Begründer von Whole Foods in den USA, ist u.a. Co-Autor des Buches Conscious Capitalism.

Ein paar Ideen daraus:

Erfolgreiche Unternehmen machen Profit, was eine Beschreibung ist, versus Profit als das einzige Ziel, das Unternehmen verfolgen sollten, was eine Verschreibung ist. Profit ist notwendig für ein Unternehmen, um lebensfähig zu sein, wie es für einen Menschen notwendig ist zu essen. So wie niemand behaupten würde, dass es der Lebenszweck des Menschens ist zu essen, besteht auch der Zweck eines Unternehmens nicht darin, Profit zu machen.

Tue das Richtige, weil es richtig ist und vertraue, dass das zum gewünschten Ergebnis führt. Richtige Handlungen führen zu positiven Ergebnissen.

Menschen sind Quellen (Sources) der Kreativität und Liebe und keine Human Resources (Ressourcen, wie z.B. Kohle, Werkzeuge, etc.)

Alle Stakeholder werden berücksichtigt. Es geht um einen Win-Win-Win-Win-Win-Win oder Win6 Ansatz.

Conscious Capitalism folgt den folgenden 4 Prinzipien:

  1. Orientierung an einem höheren Zweck

  2. Berücksichtigung aller Stakeholder

  3. Bewusste Führung als Dienst

  4. Bewusste Kultur der Transparenz und des Vertrauens

Und natürlich ist Conscious Capitalism nur EIN Modell, das aus Erfolg 3.0 erwachsen ist.

Es gibt andere ebenso weitreichende oder sogar weitreichendere Ansätze, die oft einen „Whole System Shift“ zur Grundlage haben.

Und damit erscheint bereits Erfolg 4.0 am Horizont.


Erfolg 4.0: Das Erwachen der Unique Self Jazz Symphony

Während Erfolg 3.0 in der Entstehung begriffen ist, können wir Erfolg 4.0 gerade mal erahnen.

In Erfolg 3.0 wird sich das Unique Self bewusst, dass es nicht getrennt von allem ist. Über die natürliche Anziehung zwischen den einzelnen Menschen, die ihr Unique Self leben, entsteht die erste Andeutung einer Unique Self Jazz Symphony – das improvisierte, harmonische Zusammenspiel der verschiedenen einzigartigen Stimmen.

In Erfolg 4.0 erwacht es zu der Realisation, dass es nicht nur dringend benötigt wird, um die Unique Self Jazz Symphony zu vervollständigen und von ihr gehalten zu sein, sondern auch um sie weiterzuentwickeln. Der evolutionäre Zweck, der den Einzelnen wie den Organisationen und Gemeinschaften Richtung gibt und sie mit dem Gesamt-Organismus verbindet, unterliegt selbst einer Evolution.

Diese neue Vision von Erfolg lädt zur Demokratisierung von Größe, Großartigkeit oder auch Erleuchtung ein (ein weiterer Begriff von Dr. Marc Gafni, der auf das Potenzial verweist, das in jedem von uns lebt und nicht nur in wenigen Auserwählten). All das ist im neuen Zeitalter nicht mehr auf einige wenige beschränkt. Jede*r ist eingeladen. Jede*r kann teilnehmen, der oder die bereit ist.

Die neue Vision von Erfolg lädt uns ein, ein größeres Spiel zu spielen. Aufzuwachen, aufzuwachsen und in Erscheinung zu treten heißt, an der Evolution des Bewusstseins teilzunehmen – individuell, wie kollektiv. Im Innersten ist diese Bewusstseinsevolution nichts weniger, als die Evolution der Liebe. Unser Verständnis von Liebe wird transformiert, und die Liebe selbst entwickelt sich weiter.

In unserer Vision von Erfolg 4.0 erwacht die Unique Self Jazz Symphony selbst zu Bewusstsein. Wir sind Evolution. Es ist das Planetarische Erwachen, von dem Barbara Marx Hubbard spricht. Es ist der nächste Schritt in der bewussten Evolution in Aktion.